Deutschland 2026: Wirtschaft zwischen Aufbruch, Überforderung und Investmentchancen

Deutschland steht 2026 an einem Wendepunkt. Ein historischer Investitionsschub trifft auf eine fragile Realwirtschaft und politische Unsicherheit. Für Investoren entsteht ein Spannungsfeld aus zyklischem Rückenwind, strukturellen Risiken und selektiven Chancen.

Deutschland Altstadt

2025: von der Euphorie zur Ernüchterung

Deutschland steht Ende 2025 wirtschaftlich und politisch an einem Wendepunkt. Nach Jahren der Stagnation, Energiekrise und geopolitischer Verwerfungen hat die neue Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz einen historischen fiskalischen Kurswechsel eingeleitet:

Die Schuldenbremse wurde reformiert, ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und Klimaneutralität geschaffen, und die Verteidigungsausgaben sollen massiv steigen.

Gleichzeitig zeigt sich: Der versprochene "Neustart" wirkt in der Realwirtschaft bislang eher wie ein langsamer System-Reset als wie ein Wachstumswunder.

Ganz anders sieht es beim deutschen Aktienmarktbarometer DAX aus. Hier ist ein merklicher Teil der positiven Auswirkungen des Politikwechsels bereits eingepreist.

DAX Index
Quelle: Bloomberg, LLB (eigene Darstellung)

Ludwig Erhard, ehemaliger deutscher Bundeskanzler, verknüpfte die soziale Marktwirtschaft einst mit dem Leitbild "Wohlstand für alle" – einem Versprechen, das auf breiter Teilhabe am Wachstum beruhte.

Heute geht es weniger um die Verteilung von zusätzlichem Wohlstand, sondern vielmehr um die Frage, wie Deutschland überhaupt wieder auf einen soliden, tragfähigen Wachstumspfad zurückkehrt.

Die aktuelle Wirtschaftslage: zähe Erholung nach sechs Jahren Stagnation

Die Diagnose ist eindeutig: Die deutsche Wirtschaft hat eine schwache Dekade hinter sich. In den letzten sechs Jahren stagnierte das reale BIP und lag deutlich hinter den wichtigsten Handelspartnern und insbesondere hinter den USA zurück.

Verschärft wurde diese Schwäche durch mehrere Schocks: durch die Energiekrise nach dem Ausfall russischer Gaslieferungen, aggressive Zinsanhebungen der Europäischen Zentralbank sowie eine Serie globaler Nachfrageeinbrüche.

ifo-Prognose zur Entwicklung des realen BIP in Deutschland
Quelle: ifo-Institut, LLB (eigene Darstellung)

Nach einer zweijährigen Rezession zeichnen sich nun erste Erholungstendenzen ab. Höherfrequente Indikatoren wie der wöchentliche Konjunkturindex, das ifo-Geschäftsklima und die Geldmenge M1 deuten auf eine Belebung hin; der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe bewegt sich in Richtung Wachstumsschwelle.

Die Konsensprognose erwartet für 2026 ein reales BIP-Wachstum von rund 1.3 % und für 2027 etwa 1.7 %. Ähnliche Grössenordnungen nennt auch die deutsche Bundesregierung.

Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in Deutschland (in EUR)
Quelle: Dt. Statistikamt, LLB (eigene Darstellung)

Doch das Gesamtbild bleibt fragil. Der Arbeitsmarkt zeigt mit einer Arbeitslosenquote von etwa 6.3 % eine leichte Eintrübung und einen Beschäftigungsabbau von rund 180’000 Stellen in der Industrie (ohne Baugewerbe).

Neue Jobs entstehen vor allem im öffentlichen Sektor, in Bildung und Gesundheit – weniger in den marktgetriebenen, exportorientierten Segmenten, die traditionell das Rückgrat der deutschen Volkswirtschaft bilden.

Bevölkerungsanteil im erwerbsfähigen Alter in Deutschland (in %)
Quelle: Dt. Statistikamt, LLB (eigene Darstellung)

Kurz gesagt: Die Konjunktur nimmt wieder Fahrt auf, aber von einem dynamischen Aufschwung ist Deutschland noch ein gutes Stück entfernt.

Wettbewerbsfähigkeit: Deutschland im verschärften globalen Wettbewerb

Die zentrale strategische Frage lautet: Wie wettbewerbsfähig ist der Standort Deutschland im globalen Umfeld noch? Aus Sicht vieler Unternehmen und Beobachterinnen und Beobachtern ist die Antwort derzeit: deutlich weniger als noch vor zehn oder zwanzig Jahren.

Das Produktivitätswachstum ist seit Jahren schleppend, während Löhne und Beschäftigungsstabilität hoch bleiben. Die realen Mindestlöhne sind seit 2021 um rund 12 % gestiegen – mehr als doppelt so stark wie im OECD-Median.

Gleichzeitig wurde zu wenig in den Kapitalstock investiert, sodass die industrielle Basis Deutschlands altert und ein technologischer Rückstand droht.

Grafik Länderranking
Quelle: Statista, LLB (eigene Darstellung)

Besonders sichtbar wird die Erosion der Wettbewerbsfähigkeit im Verhältnis zu China. Die Exportähnlichkeit beider Volkswirtschaften ist auf rund 55 % gestiegen – ein deutlicher Zuwachs gegenüber dem Anteil vor zehn Jahren.

China ist nicht mehr primär Absatzmarkt, sondern schärfster Wettbewerber – ausgerechnet in den deutschen Kernsegmenten Automobil, Maschinenbau und Chemie, die gemeinsam etwa 40 % der Exporte ausmachen.

Der Anteil der deutschen Exporte nach China ist seit 2021 von 8.3 % auf 5.3 % gefallen, während Lieferungen in die USA und in europäische Peripherieländer zulegten.

Wichtigste Handelspartner Deutschlands nach Wert der Exporte (Mia. EUR)
Quelle: Dt. Statistikamt, LLB (eigene Darstellung)

Zudem belasten die US-Zölle, ein stärkerer Euro und eine hohe regulatorische Dichte den Wirtschaftsstandort Deutschland. Der Bundesverband der Deutschen Industrie warnt inzwischen offen vor einem "freien Fall" des Standorts und fordert entschiedene Strukturreformen, weniger Bürokratie und höhere Investitionen.

Altkanzler Helmut Schmidt wird gern mit dem Satz zitiert:

"Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen."
Helmut Schmidt

Doch aus heutiger Perspektive muss man festhalten: Ohne eine klare Vision für den Standort droht Deutschland, im globalen Wettbewerb weiter zurückzufallen.

Wirtschaftspolitik unter Kanzler Merz: grosses Geld, kleine Reformen

Mit der Reform der Schuldenbremse und dem 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität hat die Regierung Merz einen beispiellosen finanzpolitischen Kurswechsel vollzogen.

Die Bundesinvestitionen sollen in den Jahren 2025/26 von vormals rund 1.1 % des BIP auf 2.6–2.8 % steigen und im Durchschnitt bis 2029 bei etwa 2.4 % liegen. Parallel dazu sollen die Verteidigungsausgaben bis 2029 auf etwa 3.5 % des BIP anwachsen – fast das Dreifache des Vorkrisenniveaus.

Der Haushalt 2026 macht die Dimension sichtbar: Über 180 Milliarden Euro neue Schulden, der zweithöchste Wert nach dem Pandemie-Jahr 2021, werden massgeblich durch das Sondervermögen und Ausnahmen von der Schuldenbremse ermöglicht.

Der IWF und andere Institute sehen darin einen erheblichen fiskalischen Impuls von knapp 1 % des BIP im Jahr 2026 und rund 0.9 % im Jahr 2027.

"Der Haushalt 2026 besitzt über 180 Milliarden Euro neue Schulden."

Die grosse Frage lautet jedoch: Wie viel dieser Mittel fliesst wirklich in zusätzliche, produktive Investitionen – und wie viel wird zum Stopfen bestehender Haushaltslöcher genutzt?

Der Verdacht, dass Teile des Sondervermögens für reguläre Ausgaben zweckentfremdet werden, ist inzwischen explizit Gegenstand der öffentlichen Debatte und hat die anfängliche Euphorie der Märkte deutlich gedämpft.

Steuereinnahmen in Deutschland
Quelle: BMF, LLB (eigene Darstellung)

Hinzu kommt die politische Fragilität der sogenannten "Arbeitskoalition" aus CDU/CSU und SPD, die nur über eine knappe Mehrheit von rund einem Dutzend Sitzen verfügt und durch parteiinterne Rebellionen – etwa junger Konservativer in der Rentenfrage – laufend unter Druck steht.

Die anstehenden Haushaltsverhandlungen für 2027 und darüber hinaus könnten zur Belastungsprobe werden, insbesondere bei einem strukturellen Defizit im hohen zweistelligen Milliardenbereich.

Wählerumfragen in Deutschland
Quelle: Statista, LLB (eigene Darstellung)

Zum Vergleich: Gerhard Schröder leitete mit der Agenda 2010 Anfang der 2000er-Jahre tiefgreifende Strukturreformen ein und kündigte im Bundestag an:

"Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fordern und mehr Eigenleistung von jedem einzelnen abfordern müssen." 
Gerhard Schröder

Heute erleben wir gewissermassen die umgekehrte Situation: massive Mehrausgaben bislang ohne eine vergleichbar konsequente Strukturagenda.

Aussenhandel: Neuordnung der globalen Verflechtungen

Deutschlands Geschäftsmodell war jahrzehntelang einfach formuliert: hochwertige Industrieprodukte, starke Automobil- und Maschinenbau-Cluster, offene Märkte, insbesondere in Europa, Nordamerika und Asien, sowie stabile, günstige Energie.

Dieses Modell steht nun an mehreren Fronten unter Stress:

1. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die Energieabhängigkeit Deutschlands brutal offengelegt.

Der teure und abrupte Ersatz des russischen Pipelinegases durch LNG (Liquefied Natural Gas) hat die Terms of Trade spürbar verschlechtert und die Produktionskosten der Industrie erhöht.

Bedeutung des deutschen Aussenhandels
Quelle: Dt. Statistikamt, LLB (eigene Darstellung)

2. Die geografische Struktur der Exporte verschiebt sich.

Der Anteil Chinas als Absatzmarkt sinkt, während die USA und die wachstumsstärkeren Peripherieländer Europas wichtiger werden.

Dies wirkt kurzfristig stabilisierend, erhöht aber die Abhängigkeit von geopolitisch nicht risikolosen Beziehungen – etwa im Spannungsfeld der US-EU-Handelspolitik und der Industriezoll-Konflikte.

3. Die handelspolitischen Spannungen mit China verschärfen sich.

Während Deutschland und die EU schrittweise Schutzmassnahmen – etwa gegen Subventionen für E-Autos – diskutieren oder einführen, positioniert sich Peking strategisch zwischen den Machtblöcken.

Europa muss eine eigenständige China-Strategie entwickeln, die wirtschaftliche Interessen wahrt, ohne in eine einseitige Abhängigkeit oder in einen offenen Handelskrieg zu geraten.

Anzahl der Elektroautos in Deutschland
Quelle: BEV, LLB (eigene Darstellung)

Für die exportorientierte deutsche Industrie bedeutet dies: Das Umfeld bleibt anspruchsvoll, aber nicht hoffnungslos. Diversifizierung, höhere technologische Spezialisierung und neue Märkte, etwa in Asien ausserhalb Chinas, werden zu Überlebensbedingungen.

Demografische Herausforderungen: wenn Arbeitskräfte zum Engpass werden

Die demografische Entwicklung ist vielleicht die gravierendste strukturelle Herausforderung für den deutschen Arbeitsmarkt. Laut UN-Basisszenario wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bis 2050 um rund 20 % schrumpfen.

Der Altenquotient steigt von etwa 0.4 auf 0.6, was sowohl Rentenfinanzierung als auch Produktivitätsdynamik belastet.

Demografie in Deutschland
Quelle: Dt. Statistikamt, LLB (eigene Darstellung)

Schon heute klagen Unternehmen über Fachkräftemangel. Selbst während der konjunkturellen Schwäche wird nicht ein Mangel an Jobs, sondern ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften sichtbar.

Ein Teil der im Land lebenden ausländischen Bevölkerung weist niedrigere Bildungsabschlüsse auf, sodass Integrations- und Qualifizierungsfragen zusätzlich an Bedeutung gewinnen.

Die Bundesregierung versucht gegenzusteuern, etwa durch das Angebot eines steuerfreien Monatsentgelts für Rentnerinnen und Rentner, die wieder in den Arbeitsmarkt eintreten. Solche Massnahmen können punktuell helfen, sind aber kein Ersatz für eine umfassende Strategie aus:

  • qualifizierter Zuwanderung,
  • besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf,
  • systematischer Weiterbildung und
  • höherer Erwerbsbeteiligung von Frauen.
Einwanderung und Zuwanderung in Deutschland
Quelle: Dt. Statistikamt, LLB (eigene Darstellung)

In diesem Kontext wirkt Angela Merkels vielzitierter Satz "Wir schaffen das", ursprünglich auf die Flüchtlingskrise 2015 bezogen, fast wie ein demografisches Leitmotiv, auch wenn die Bilanz der Integration differenziert ausfällt. Migration ist kein Allheilmittel, aber langfristig ein notwendiger Teil der Antwort auf den alternden Arbeitsmarkt.

Energiewende: Kosten, Risiken – und industrielle Chancen

Die Energiewende ist für die deutsche Wirtschaft gleichzeitig Belastung und strategische Chance. Die Abkehr von russischem Gas hat kurzfristig die Energiekosten massiv erhöht und energieintensive Branchen wie Chemie, Metall und Teile des Maschinenbaus besonders hart getroffen.

"Migration ist ein notwendiger Teil der Antwort auf den alternden Arbeitsmarkt."

Inzwischen haben sich die europäischen Gaspreise deutlich entspannt. Analysten erwarten, dass niedrigere LNG-Preise auch den Druck auf die Strompreise weiter verringern werden. Derzeit liegen diese noch etwa 40 % über dem Vorkrisenniveau.

Das verschafft energieintensiven Sektoren etwas Luft und könnte eine graduelle Rückkehr der Produktion unterstützen.

Strompreise für Gewerbe- und Industriekunden in Deutschland in den Jahren 2015 bis 2025  (Preis in Euro-Cent pro KWH)
Quelle: Statista, LLB (eigene Darstellung)

Gleichzeitig bedeutet der Umbau des Energiesystems einen gewaltigen Investitionsschub: Der 500-Milliarden-Euro-Fonds soll in den kommenden zehn Jahren nicht nur Verkehrs- und Digitalinfrastruktur modernisieren, sondern auch den Pfad zur Klimaneutralität 2045 finanzieren – von Netzausbau und Speichertechnologien über Wasserstoffprojekte bis zu Grossinvestitionen in erneuerbare Energien.

Der Erfolg der Energiewende wird entscheidend davon abhängen, ob diese Investitionen:

  • planbar und zügig umgesetzt werden (Infrastruktur-Beschleunigung statt Berliner-Flughafen-Effekt),
  • regulatorische Planungssicherheit bieten und
  • private Investitionen nicht verdrängen, sondern mobilisieren.

Für die Industrie ist die Energiewende dann ein Gewinn, wenn sie am Ende zu verlässlicher, bezahlbarer und klimafreundlicher Energie führt – und wenn deutsche Unternehmen entlang der Wertschöpfungsketten (Anlagenbau, Speicher, Netze, Komponenten) globale Marktchancen nutzen können.

Aufteilung der Erwerbstätigen in Deutschland
Quelle: Dt. Statistikamt, LLB (eigene Darstellung)

Politischer Kontext und Europa: enge Spielräume, grosse Erwartungen

Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands ist untrennbar mit der europäischen Dimension verknüpft.

Der Ukrainekrieg, die Debatte über die Nutzung eingefrorener russischer Vermögenswerte, der Aufbau einer gemeinsamen europäischen Verteidigungsarchitektur und die Rolle des Euro als sicherer Anlagehafen werden in den kommenden Jahren massgeblich darüber entscheiden, ob Europa "Kontinent der Denkmäler" oder wieder Innovationsraum wird.

Deutschland tritt hier in einer Doppelrolle auf: als grösste Volkswirtschaft der EU und als Land, dessen innenpolitische Stabilität derzeit fragil ist.

Die Koalition Merz/Klingbeil verfügt nur über eine kleine Mehrheit, steht unter Druck durch die AfD und neue politische Akteure wie das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) und muss gleichzeitig Grossprojekte wie die Rentenreform, die Konsolidierung des Haushalts 2027 und die Umsetzung des Sondervermögens schultern.

Helmut Schmidt definierte Politik einmal als das "Formen der Zukunft aus der Verantwortung für die Gegenwart". Derzeit wirkt die deutsche Politik eher getrieben als gestaltend, hin- und hergerissen zwischen dem Druck der Märkte, den Erwartungen der EU-Partner und der innenpolitischen Polarisierung.

"Deutschlands Zukunft entscheidet über Europas Kurs."

Fazit aus Investmentsicht: Chancen und Risiken für Anleger in Deutschland

Aus Sicht von Anlegerinnen und Anlegern ergibt sich ein ambivalentes, aber keineswegs hoffnungsloses Bild.

1. Konjunktureller Rückenwind, aber begrenzte Dynamik

Die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland ab 2026 wieder wächst, ist hoch. Fiskalische Impulse, steigende öffentliche Investitionen und eine allmähliche Entspannung bei Energiepreisen sprechen für eine moderate konjunkturelle Erholung. Zyklisch orientierte Segmente, etwa ausgewählte Industrie- und Maschinenbauwerte, könnten davon profitieren, insbesondere nach den Kursrückgängen der vergangenen Jahre und bei entsprechend niedrigen Bewertungen.

2. Strukturelle Schwächen als Bewertungsabschlag

Gleichzeitig bleiben strukturelle Risiken, Demografie, schwaches Produktivitätswachstum, hohe Lohnstückkosten, regulatorische Komplexität und der harte Wettbewerb mit China valide Gründe für einen Bewertungsabschlag gegenüber dynamischeren Märkten. Für langfristige Investoren bedeutet das: Ein Engagement in Deutschland verlangt Selektivität und einen langen Atem, wird aber teilweise durch günstige Einstiegsniveaus kompensiert.

3. Sektorale Chancen: Energie, Infrastruktur, Verteidigung, Digitalisierung

Die politisch gesetzten Prioritäten eröffnen klare thematische Investment-Cluster:

  • Energiewende und Klimaneutralität: Unternehmen aus den Bereichen erneuerbare Energien, Netzinfrastruktur, Speicher, Wasserstoff, Effizienztechnologien und Gebäudesanierung dürften über Jahre von staatlicher und privater Nachfrage profitieren.
  • Infrastruktur und Bau: Planungsbüros, Bau- und Baustoffkonzerne, Mobilitäts- und Digitalisierungslösungen partizipieren am Sondervermögen, sofern Projekte tatsächlich umgesetzt und nicht nur beschlossen werden.
  • Verteidigung und Sicherheit: Verteidigungsunternehmen, Cybersecurity-Anbieter und Spezialzulieferer stehen vor einem strukturell wachsenden Markt, auch wenn sie den Beschäftigungsrückgang der Autoindustrie nicht kompensieren können.
  • Digitalisierung und Automatisierung: Angesichts des Arbeitskräftemangels gewinnen Automatisierung, Robotik, Software und Plattformlösungen für Industrie und Verwaltung an Bedeutung.

4. Legacy-Sektoren: Selektivität im Automobilbereich

Die deutsche Automobilindustrie bleibt ein Sonderfall: strukturell unter Druck durch Elektromobilität, Software-Defizite und chinesische Konkurrenz, aber mit einzelnen technologisch führenden Nischen und der Option auf den Turnaround, sofern die Transformation gelingt. Umfragen signalisieren eine gewisse Bodenbildung, doch Analysten warnen weiterhin vor Wertfallen.

Staatsverschuldung im Vergleich aller EU-Ländern
Quelle: Statista, LLB (eigene Darstellung)

5. Politisches Risiko als zentrale Variable

Ein zentrales Risiko für Investoren ist die politische Unsicherheit:

  • Kann die Koalition Merz ihre Legislaturperiode durchstehen oder kommt es (wieder!) zu Neuwahlen?
  • Gelingt eine tragfähige Renten- und Haushaltsreform ab 2026?
  • Wie entwickelt sich die Unterstützung für populistische Parteien, insbesondere AfD und BSW?

Politische Instabilität schlägt sich unmittelbar in Risikoaufschlägen, Investitionszurückhaltung und Volatilität an den Kapitalmärkten nieder.

Schlussgedanke

Deutschland steht 2026 am Beginn eines gross angelegten Investitions- und Modernisierungszyklus, allerdings mit erheblichem Vollzugs- und Reformrisiko. Für Anleger:innen heisst das:

  • Die Chancen liegen in Themen, die aus dem strukturellen Wandel hervorgehen – Energiewende, Infrastruktur, Verteidigung, Digitalisierung und spezialisierte Industrie.
  • Die Risiken liegen in einem möglichen Scheitern der Strukturreformen, einer Verschärfung der politischen Fragmentierung und einem weiteren Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.

Ludwig Erhard zielte mit seinem "Wohlstand für alle" auf ein inklusives, wachstumsgetriebenes Modell. Gerhard Schröder nahm mit der Agenda 2010 den schmerzhaften Weg tiefgreifender Strukturreformen auf sich. Angela Merkels "Wir schaffen das" steht für die Zumutung grosser Anpassungsleistungen an die Gesellschaft.

Die Frage für die kommenden Jahre lautet: Gelingt es Deutschland, diese drei Linien – Wohlstandsziel, Reformbereitschaft und Anpassungsfähigkeit – wieder zu einer überzeugenden wirtschaftspolitischen Erzählung zu verbinden?

Wer daran glaubt, findet im Standort Deutschland nach wie vor attraktive, wenn auch anspruchsvolle Investmentchancen. Wer daran zweifelt, wird den Markt eher selektiv und mit spürbarer Risikoprämie bedienen.

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Portrait Bernhard Schmitt

Bernhard Schmitt

Experte für nachhaltiges Anlegen bei willbe

Umfassend nachhaltig anlegen und gleichzeitig immer die Rendite im Auge zu behalten, dies ist für Bernhard Schmitt die magische Formel bei willbe. Für diese Mission ist er als Fondsmanager offen, neue Technologien und datengesteuerte Prozesse einzusetzen, damit du deine Anlageziele erreichst und gleichzeitig Gutes für die Welt tust. Bernhard ist ein alter Hase im Investmentgeschäft. Nachhaltige Investitionen fördern und Finanzdienstleistungen transformieren, ist ihm sehr wichtig. Lass dich bei deinen Investments von Bernhards Ideen inspirieren.